Kein ganz gewöhnlicher Joystick

Pünktlich zum Weihnachtsfest trudelte eine ganz besonders schöne Überraschung mit der digitalen Post ins Haus: die Kickstarter-Edition von „Commodore: The Amiga Years“ – das finale Buch wird im Laufe dieses Jahres als Print-Ausgabe erscheinen und im Handel erhältlich sein.

Natürlich habe ich mir das Buch sofort auf meinen eBook-Reader geladen und es mir damit gleich am zweiten Weihnachtsfeiertag auf dem Sofa gemütlich gemacht.

Kapitel um Kapitel habe ich seitdem wissbegierig verschlungen und kann mit gutem Gewissen sagen, dass sich jeder Amiga-Fan auf dieses Buch wird freuen können! Es ist fundiert recherchiert und räumt u.a. mit der immer wieder kolportierten Story auf, die Amiga Corporation (ursprünglich Hi-Toro) wäre von „drei Zahnärzten aus Florida“ finanziert worden.

Vielmehr stammte das notwendige Startkapital für das noch junge Unternehmen von Intermedics, Anfang der Achtzigerjahre einer der weltweit führenden Hersteller von Herzschrittmachern. Zu diesem Zweck gründete Intermedics im Jahre 1978 den Chiphersteller ZyMOS Corporation, für die auch Jay Miner, der spätere „Vater des Amiga“ tätig war – so kam dann auch die Finanzierung zustande.

Das Start-up wollte verständlicherweise nicht alleine vom Geld externer Investoren abhängig sein und genau dafür hatte Dave Morse, Mitgründer und CEO des Unternehmens, einen wirklich gut durchdachten Plan in der Tasche.

Das AMIGA Power System

Dieser sah vor, durch externe Firmen Videospiel-Zubehör fertigen zu lassen, das unter dem Markennamen „AMIGA Power System“ im Handel vertrieben werden sollte – vor allem über den Spielzeughandel, der die damals (Ende 1982) so beliebten Videospielsysteme Atari VCS 2600, ColecoVision und Mattel Intellivision sowie die dazugehörigen Spiele und das Zubehör mit großem Erfolg abverkaufte.

Immer wieder werden Zitate von Jay Miner oder R.J. Mical bemüht, die den Eindruck vermitteln, dass das Videospiel-Zubehör vor allem der Ablenkung dienen sollte, damit die Ingenieure bei Amiga ungestört und im Geheimen am Projekt „Lorraine“ arbeiten können, einer revolutionären 16-Bit-Videospielkonsole, aus der letztlich der Amiga Computer hervorging.

Dies ist aber mindestens eine verkürzte Darstellung der Geschichte und war eher ein Nebeneffekt, den man bei Amiga sehr gerne in Kauf nahm. In erster Linie ging es Dave Morse darum, die Entwicklung der neuen Konsole soweit mitzufinanzieren, dass man nicht auf weitere Investoren oder neue Investments seitens Intermedics angewiesen ist.

Außerdem würde man auf diesem Wege den Markennamen Amiga beim Handel und den Endkunden etablieren und wichtige Beziehungen und Vertriebskanäle aufbauen, um es bei der Vermarktung der Videospielkonsole später deutlich einfacher zu haben, auch, weil man dann ein komplettes Videospielsystem samt Zubehör anzubieten hätte.

Die Produkte des Power System waren zu allen gängigen und bereits am Markt etablierten Systemen kompatibel, inklusive der neuen Heimcomputer von Commodore, Atari und einigen anderen Herstellern. Folglich erhoffte man sich bei Amiga, in jeder Hinsicht ein sehr gutes Geschäft zu machen.

Dass der gesamte Markt für Videospiele in den USA im Laufe des Jahres 1983 zusammenbrechen und deshalb alle Planungen des jungen Unternehmens über den Haufen geworfen werden würden, konnte man bei Amiga zu dem Zeitpunkt nicht ahnen.

Der Power-Stick

So kam es, dass aus dem AMIGA Power System neben dem legendären Joyboard lediglich der Power-Stick die Regale im Handel erblicken durfte.

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Gut zu erkennen: das Amiga-Logo auf dem D-SUB Stecker des Power-Stick.

Der Power-Stick verfügt über zwei Feuerknöpfe, die links und rechts am Gehäuse angebracht sind und das Spielen sowohl für Links- als auch Rechtshänder ermöglichen. Wirklich außergewöhnlich und absolut einzigartig für die damalige Zeit ist aber die geringe Größe des Joysticks – sein Gehäuse passt ohne Probleme komplett in die Handfläche eines durchschnittlichen Erwachsenen.

Es existiert neben dem hier abgebildeten Power-Stick, der mit dem VCS 2600 und gängigen Heimcomputern mit 9-poligem D-SUB Joystickanschluss kompatibel ist, noch eine zweite Variante fürs ColecoVision und Intellivision, jeweils mit integrierter Zehnertastatur.

Steuern und Feuern

Ich konnte es leider nicht durch eine Recherche verifizieren, aber ich gehe aufgrund seiner spezifischen Bauweise davon aus, dass die Designer des Power-Stick im Sinn hatten, einen Joystick zu entwerfen, der sich mit nur einer Hand bedienen lässt.

Sollte dem so sein, kann ich aber sagen, dass der Plan zumindest in meinem Fall nicht so ganz aufgegangen ist.

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Hier sieht man besonders schön, wie klein der Power-Stick wirklich ist.

Das Steuern mit nur einer Hand ist erstaunlich präzise und funktioniert wirklich sehr gut. Der Power-Stick liegt dank seiner kleinen Bauform und der Auswölbung an seiner Unterseite sehr gut und sicher in der Hand, während man mit dem Daumen, der am oberen Ende des Steuerknüppels aufliegt, sicher und gezielt steuert, ohne dabei abzurutschen. Meinen Doppeldecker in „Blue Max“ konnte ich damit einwandfrei über das Feindgebiet navigieren.

Versuche ich aber gleichzeitig, mit dem Mittelfinger derselben Hand den Feuerknopf zu bedienen, so leidet entweder das präzise Steuern oder Feuern darunter – beides zusammen klappt bei mir einhändig nicht.

Also endete ich damit, zum Feuern die andere Hand zu Hilfe zu nehmen. Entweder steuere ich also mit dem linken Daumen und feuere mit dem rechten Zeigefinger oder umgekehrt. Dies funktioniert zwar deutlich besser als die einhändige Bedienung, aber ideal und im Sinne des Erfinders ist es wohl auch nicht – es dürfte deutlich schneller zu Ermüdung führen als bei einem ausgewachsenen Joystick, der von vornherein auf zweihändige Bedienung ausgelegt ist.

Wie dem auch sei, ich habe mir den Power-Stick ohnehin nicht zum Zocken zugelegt, sondern weil ich dieses kleine Stück Amiga-Geschichte unbedingt in meiner Sammlung haben musste! 🙂


2 Gedanken zu “Kein ganz gewöhnlicher Joystick

  1. Ein interessanter Beitrag und ein noch interessanterer Joystick 🙂

    Das Buch „Commodore: The Amiga Years“ muss ich mir wohl auch zulegen. Da ich nie selbst einen Amiga besessen, ihn aber natürlich bei Freunden vielfach bespielt habe, ist mein Verlangen nach konkreten Informationen zu diesem wegweisenden Heimcomputer heute groß. Ich war damals am C64 hängen geblieben und danach kam für mich Windows. Den Amiga hätte ich mir auch nie leisten können. Ich finde es toll, das gerade im Moment all diese Bücher und Videodokumentationen entstehen und ich die Amiga-Zeit jetzt noch einmal „erleben“ darf.

    Das der „Power-Stick“ in diesem zeitlichen Kontext entstanden ist war mir komplett neu. Ich habe ihn tatsächlich noch nie gesehen. Sehr besonderes Konzept! Ich kann mir gut vorstellen, dass Du den in Deiner Sammlung haben wolltest. Das ist schon ein besonderes Stück.

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar, André.

      Hast du „Commodore: A Company on the Edge“ von Brian Bagnall schon gelesen?! „The Amiga Years“ wird sozusagen der zweite Teil dieses Werkes und rundet damit die Geschichte von Commodore ab. Beide Bücher zusammen dürften in einem Gesamtwerk über Commodore mit insgesamt über 1200 Seiten münden.

      Es geht also auch im zweiten Teil nicht nur um den Amiga und seine Macher, sondern auch darum, wie Commodore den Amiga (nicht) vermarktet hat und was dann letztlich alles zum Untergang führte. Ich freu mich sehr auf das finale Buch!

      Und es freut mich sehr, dass ich mit meinem Artikel ein paar neue Informationen vermitteln konnte, dann hat sich das Schreiben schon ausgezahlt. 🙂

      Den Power-Stick hatte ich jahrelang auch so gut wie nicht im Fokus, mir war in erster Linie das Joyboard geläufig. Das ist aber deutlich seltener und ich wüsste ehrlich gesagt auch nicht, was ich damit in meiner Sammlung anfangen sollte – der Power-Stick ist wenigstens noch erschwinglich und ich kann ihn sogar ab und an mal bespielen am C64 oder – passender natürlich – am Amiga. 🙂

      Gefällt 1 Person

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