Einem (fast) geschenkten Gaul …

… schaut man unbedingt ins Maul!

Diese Regel sollte jeder Sammler alter Computer beherzigen, handele es sich nun um ein geschenktes oder ein erstandenes Gerät. Bevor man den Neuankömmling ans Stromnetz hängt und den Ein/Aus Schalter umlegt, sollte man dem Computer genau ins Maul, also auf die Platine schauen, um vor unangenehmen Überraschungen gefeit zu sein.

Vielleicht sitzt ein IC nicht ganz richtig im Sockel, das kann auf dem Transportweg schon mal passieren. Eventuell fehlt sogar das ein oder andere Bauteil, auch das kommt vor, wenn man die Katze im Sack, sprich den Computer im geschlossenen Gehäuse gekauft hat. Oder es sind bereits die ersten Kondensatoren oder noch schlimmer die Batterie (falls verbaut) ausgelaufen und haben die Platine mehr oder weniger schlimm beschädigt. Auch von dicken Staubschichten oder Wollmäusen will das Innenleben eines mehrere Jahrzehnte alten Rechners gegebenenfalls erst mal befreit werden, bevor er wieder in Betrieb genommen wird.

Also habe ich auch meinen jüngsten Neuzugang in meiner Sammlung erst einmal ganz genau inspiziert. Es handelt sich um einen C116 – dieser kompakte Computer für das Low-Budget-Segment (Markteinführung 1984, UVP ca. 199 DM) stammt aus Commodores 264-Serie und ist laut Bil Herd (seinerzeit Projektleiter der 264-Serie) der letzte Rechner, dessen Planung und Entwicklung noch vollständig unter der Aufsicht von Jack Tramiel stand, bevor dieser schließlich Commodore verließ und Atari übernahm.

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Der C116 vereint sehr kompakte Maße (260x185x55mm) und geringes Gewicht (890g). Die Gummitastatur ist ein weiterer Hinweis auf die anvisierte Konkurrenz von Sinclair Resarch.
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Rückansicht des C116 – neben dem mittigen 264-Expansionsport verfügt er über eine Reset-Taste, einen seriellen Bus (Diskette/Drucker), einen Mini-DIN-Kassettenport, zwei Mini-DIN-Joystickports und eine Audio/Video-Buchse für den Monitoranschluss. Der TV-Anschluss (Antennenbuchse) befindet sich auf der linken Seite des Rechners.

Bil Herd war es übrigens auch, der mich überhaupt auf den C116 hat neugierig werden lassen. In diesem Video erläutert er unter anderem, wie fokussiert die Entwicklung des C116 von Anfang an war und wie Commodore die gesamte 264-Serie nach dem Abgang von Jack Tramiel an die Wand gefahren hat.

Das Gehäuse des C116 lässt sich erfreulich leicht öffnen, ich drehe vier kleine Kreuzschrauben heraus und muss beim Anheben des Deckels keine Angst haben, irgendwelche Plastiknasen abzubrechen. Das Flachbandkabel, das die Tastatur in der Oberschale mit dem Mainboard verbindet, ist lang genug, um die Oberschale bequem hinter der Unterseite des Computers zu ‚parken‘, während ich mich ganz in Ruhe dem Innenleben des C116 widme. Ein guter Teil der Platine befindet sich unter einem Abschirmblech, welches aber nach dem Herausdrehen von drei kleinen Schrauben schnell entfernt ist.

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Maßarbeit: Das Mainboard des C116 lässt keinen Millimeter Platz in der Unterschale des Gehäuses. Bil Herd spricht in seinem Video auch von einem ‚Kunstwerk‘ in Sachen Computerdesign.

Der Blick unter die Haube ist sehr erfreulich, es hat sich praktisch kein Staub im Gerät angesammelt und die Platine macht insgesamt einen guten bis sehr guten Eindruck. Kein Kondensator ist ausgelaufen, sie ist vollständig bestückt und die fünf gesockelten ICs sitzen alle einwandfrei in ihren Fassungen. Hier zeigt sich auch schön, wie hochgradig integriert der C116 aufgebaut ist. Als Prozessor kommt ein MOS 8501 zum Einsatz. Das eigentliche Herzstück und wesentliche Unterscheidungsmerkmal zu den älteren Commodore Heimcomputern wie VC20 und C64 stellt jedoch der TED 8360 dar. Er integriert nicht nur Grafik mit 121 verschiedenen Farben und 2-Kanal-Sound auf einem Chip, sondern ist darüber hinaus auch noch für Speichermanagement und Ein-/Ausgabe (Tastatur und Joysticks) zuständig.

Wie die CPU stammt auch der TED aus der firmeneigenen Chipschmiede MOS Technology, was Commodore neben dem hohen Grad der Integration einen weiteren Kostenvorteil verschaffte. Schließlich war beim C116 von Anfang an das Ziel, mit einem Preis von $49 den Einsteigercomputern von Sinclair die Stirn bieten zu können. Letzten Endes kam der kleine Rechner aber zu spät, mit zu wenig Speicher (16KB RAM) und aufgrund seiner Inkompatibilität zum VC20 und C64 mit viel zu wenig Softwareunterstützung auf den Markt, wo er sang- und klanglos unterging. Zudem bedeutet ‚Markt‘ in diesem Fall bis auf wenige Ausnahmen alleine Deutschland – Commodore UK sah wohlweislich von einer Markteinführung im Stammland der Sinclair-Computer ab und in den USA erschien der C116 ebenfalls erst gar nicht.

Dessen ungeachtet halte ich den C116 für den spannendsten Vertreter der C264-Serie, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass er Commodores einziger Computer mit einer Gummitastatur ist, und daher wollte ich sehr gerne einen in meiner Sammlung haben. Dabei hatte ich das Glück auf meiner Seite – ganz am Ende der Trefferliste stieß ich bei eBay auf einen C116, dessen Gebot bei gerade einmal vier Euro stand. So dachte ich jedenfalls, denn als ich die Auktionsdetails aufrief, fiel mir auf, dass es sich bei den vier Euro um den aufgerufenen Sofort-Kaufen-Preis handelte. So schnell, wie ich mit dem Mauszeiger auf dem „Kaufen“ Button war, habe ich zu meinen besten Zeiten in keinem Ego-Shooter reagiert. 😉

Mit noch etwas mehr Glück hätte der C116 auch noch sofort einwandfrei funktioniert, aber für 4€ kann man halt nicht alles erwarten. Der Verkäufer konnte den Computer nicht auf Funktionalität hin überprüfen und hat ihn daher auch als defekt inseriert. Nach dem ersten Einschalten erschienen mehrere beige Blöcke auf dem Bildschirm und ein paar Sekunden später wechselte das Bild zu mehreren doppelten Punkten und Streifen in weißer und grüner Farbgebung. Leider habe ich es versäumt, ein Bildschirmfoto davon zu machen, denn nach jedem weiteren Einschalten des Rechners blieb der Bildschirm einfach schwarz. Ich habe den TED 8360 in Verdacht, ist dieser doch dafür bekannt, durch zu starke Hitzeentwicklung früher oder später das Zeitliche zu segnen.

Ich werde jetzt aber nicht auf gut Glück einen einzelnen TED Chip ersteigern. Stattdessen plane ich, auf einen alten C16 zu lauern, in dessen Gehäuse ich dann den TED und ggf. auch noch CPU und PLA aus dem C116 testen werde, um so herauszufinden, welcher Baustein defekt ist. In jedem Fall möchte ich den C116 irgendwann in einem funktionstüchtigen Zustand in meiner Sammlung haben. Mit Zeit und Geduld wird das schon werden und dann werde ich natürlich auch hier darüber berichten. 🙂


3 Gedanken zu “Einem (fast) geschenkten Gaul …

  1. Nee, Stephan… das glaube ich jetzt nicht. Für 4 Euro?!? Ganz egal welche Chips gefehlt hätten, allein schon wegen des Gehäuses hatte auch ich ihn ebenfalls erworben. Der C116 hat einen so knuffigen Look, dass er tatsächlich eine ganz besondere Heimcomputer-Perle ist. Ich weiß noch, wie ich ihn das erste Mal berührte und auf seinen Gummitasten tippte. Es war Liebe auf den ersten Anschlag und ich habe das Design des kleinen Commodore nie vergessen. Klar war er aufgrund seiner Spezifikation nicht mehr markttauglich, aber ein echtes Sammler-Highlight ist er dennoch. Toll übrigens wie Bil Herd immer wieder Bezug auf seine eigene Vergangenheit gibt. Danke für Deinen schönen Beitrag! Ich bin schon auf das Follow up und einen kleinen Softwarebericht neugierig. Ich habe damals so einige Listings für den Kleinen abgetippt und auf meinem Commodore 1531 Laufwerk gespeichert. Ach war das schön! 🙂

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    1. Hallo André, du hattest damals eine ganze Menge verschiedener Computer, oder?! Hattest du nicht auf einem ZX81 angefangen? Der 116er ist wirklich knuffig, er passt sogar bequem in eine kleine Schublade, samt Netzteil. 🙂 Dort soll er aber nicht vergammeln, ich hoffe, dass ich ihn früher oder später repariert bekomme. Und dass es tatsächlich an einem der gesockelten ICs liegt – sollte einer der RAM Bausteine defekt sein, wird es haariger. Aber dafür gibt es ja auch noch die Community. Ein Rechner, der schon über 30 Jahre auf dem Buckel hat, bringt auf jeden Fall die nötige Geduld dafür mit. 😉

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      1. Ja, ich hatte schon ein paar Heimcomputer damals. Aber alle nacheinander 😉 Richtig, alles bei mir begann mit dem ZX81. Bis ich dann schlussendlich zum C64 kam hatte ich einen C16 und auch einen C116. Der C64 war aber damals „unumgänglich“. Natürlich wegen der Softwareauswahl. Gleichwohl habe ich immer ein Herz für Exoten behalten. Wie gesagt: ein toller Fund Stephan. Einmalig der Kleine 🙂

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