Kabellos in die Vergangenheit

Letzte Woche stolperte ich in meiner Timeline bei Twitter über folgenden Tweet von Todd Gill aus Cincinnati, Ohio.

Mein erster Gedanke war: „Krass, was es mittlerweile so alles gibt für den guten alten Brotkasten.“

Dann dachte ich daran zurück, wie das Mitte der Achtzigerjahre so war. Beziehungsweise wie es gewesen sein muss. Denn ein Modem oder einen Akustikkoppler besaß ich damals nicht für meinen C64. Die faszinierende Welt der Datenfernübertragung (DFÜ) war mir nur aus Fachzeitschriften, Büchern und gelegentlich aus dem Fernsehen geläufig – wenn eines der drei Programme mal von der CeBIT o.ä. berichtete.

Die Anschaffungskosten eines solchen Gerätes wären dabei noch die geringste Hürde gewesen. Aber die monatliche Rechnung für den Telefonanschluss der Eltern, die ihnen sowieso schon regelmäßig zu hoch ausfiel, seit aus den Kindern Teenager wurden, hätte endgültig jede tolerierbare Grenze überschritten. Also habe ich gar nicht erst den Versuch unternommen, hier Überzeugungsarbeit zu leisten, da ich wusste, auf welch verlorenem Posten ich stand.

Um so faszinierter war ich nun von dem Gedanken, mithilfe eines solchen WLAN-Modems, sozusagen mit dreißigjähriger Verspätung, in die Welt der Mailboxen einzutauchen und nachzuempfinden, wie sich das damals so angefühlt hat, mit maximal 2400 Baud im Netz unterwegs zu sein. Nur ohne ruinöse Telefonrechnung am Monatsende. 😉

Die Bezugsquelle für das WiModem hatte Todd Gill ja dankenswerterweise in seinem Tweet mit angegeben und auf der Website von CBMSTUFF wurde ich dann auch direkt fündig. Den Preis von $54.95 zuzüglich $15 für den Versand nach Deutschland fand ich zudem mehr als vernünftig. Keine halbe Stunde nachdem ich den Tweet entdeckt hatte war das Teil auch schon gekauft. 🙂

Die Bestellbestätigung und auch die Versandbenachrichtigung (!) erhielt ich binnen weniger Stunden und USPS lieferte mir das WiModem innerhalb von vier Werktagen, was ich beides bemerkenswert schnell finde. Ein großes Lob und Dankeschön dafür an Jim Drew und den United States Postal Service.

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Da ist das Ding! Kleiner als eine EC-Karte und mit 128x64px OLED Bildschirm ausgestattet.

Das kleine Teil kam gut und sicher verpackt zusammen mit einem Begleitzettel, welcher auf die Website und das Forum von CBMSTUFF hinweist sowie auf die Möglichkeit, das jeweils neueste Handbuch als PDF von dort herunterzuladen. Eine vernünftige und legitime Lösung, arbeitet Jim Drew doch stetig an Firmwareupdates mit neuen Features und Befehlen für das noch recht junge WiModem. Den Prototypen hat Jim erst im Juli 2015 auf der CommVEx in Las Vegas der Öffentlichkeit präsentiert.

Ehrensache, dass ich natürlich umgehend eine Probefahrt mit dem neuen Spielzeug unternehmen musste. Die ‚Installation‘ des Hayes-kompatiblen Modems ist denkbar einfach – es findet seinen Platz im User Port des Commodore 64.

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Das WiModem im User Port des C64. Dass die Platine farblich zum Nachbarn im Cassette Port passt, ist dabei ein angenehmer Zufall.

Über den User Port wird das Gerät natürlich auch mit Strom versorgt. Direkt mit dem Einschalten des Commodore 64 meldet sich das WiModem betriebsbereit.

wimodem-startup
WiFi am C64 – schöne neue Welt. 😉

Eine spezielle Software oder gar ein Treiber ist dabei nicht nötig – das WiModem wird mittels eines Terminal-Programms angesteuert, von denen es für den Commodore 64 allerdings eine schier unübersichtlich große Anzahl gibt. Zum Glück bietet das Handbuch des WiModem hier Hilfe an und nennt drei gängige Programme, die in jedem Fall reibungslos mit dem WiModem zusammenarbeiten. Ich habe mich gleich für die erste Option entschieden und mir Zterm von Jeff Brown in der Version 1.0f heruntergeladen.

zterm-startscreen
Der Zterm Startbildschirm – oben das Menü, unten die Terminalebene.

Mit aktiviertem Epyx FastLoad ist Zterm in knapp sechs Sekunden geladen, der Start dauert in etwa noch mal so lange. Ich denke, damit kann man leben. 😉
Übrigens, falls jemand eine neuere Version von Zterm kennen sollte, würde ich mich über eine Nachricht oder einen Kommentar am Ende des Blogartikels sehr freuen.

Nachtrag: Mittlerweile habe ich auch noch Striketerm 2014 ausprobiert und kann nach dem direkten Vergleich mit gutem Gewissen sagen, das Zterm zumindest für den Einsteiger besser geeignet ist. Zterm arbeitet spürbar schneller und lässt sich intuitiver bedienen, da es in Sachen Menüstruktur einfach etwas übersichtlicher und nicht so überladen ist. Striketerm mag dafür umfangreicher sein und mehr Möglichkeiten bieten, daher lohnt es bestimmt, sich später noch intensiver damit auseinanderzusetzen.

Zunächst einmal muss das WiModem natürlich mit dem WLAN-Router verbunden werden, bevor man die Mailboxen dieser Welt heimsucht. Dies funktioniert am einfachsten und schnellsten über WPS – den entsprechenden Knopf am Router drücken, danach ‚ATWPS‘ in der Terminal-Software eingeben und ein paar Sekunden später ist die Verbindung bereits hergestellt – ein Kinderspiel.

Sollte euer Router über keinen WPS-Button verfügen, könnt ihr SSID und Passwort natürlich auch manuell über die Terminal-Software eingeben. Das englischsprachige Handbuch geht wirklich sehr ausführlich und detailliert auf die gesamte Bedienung ein und wird mit neueren Firmwareversionen auch weiter aktuell gehalten. Selbstverständlich merkt sich das Gerät die Zugangsdaten zum Router und verbindet sich bei jedem neuen Start des Commodore 64 automatisch.

Sobald das Modem eine Internetverbindung hat, sucht es auf dem Server von CBMSTUFF eigenständig nach Firmwareupdates und zeigt auf dem OLED Bildschirm auch an, wenn es eines gefunden hat. Dies war bei mir auch der Fall – das WiModem wurde mit v1.1 geliefert und fand sofort das Update auf v1.2. Der Updatevorgang ist wiederum kinderleicht, mit ‚ATUPDATE‘ startet man den Prozess, der innerhalb weniger Sekunden abgeschlossen ist. Man sollte hier nur darauf achten, dies direkt nach dem Start der Terminal-Software zu machen.

Nachdem das WiModem nun firmwaretechnisch auf dem neuesten Stand ist, empfiehlt das Handbuch einen ersten schnellen Verbindungstest und schlägt dafür commodoreserver.com vor. Da das WiModem ein nach Hayes-Standard kompatibles Modem emuliert, werden auch fast alle der üblichen AT-Befehle unterstützt und zu 100% emuliert. Die Verbindung zum commodoreserver stellt man also einfach mit ‚ATDT COMMODORESERVER.COM:1541‘ her. 1541 ist hier der Standardport, was auch sonst?! 😉

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Et voilà – die Verbindung steht. 🙂

Nachdem nun sämtliche Funktionstests erfolgreich absolviert waren, wollte ich es natürlich wissen und einen ersten schüchternen Blick in die Welt der Mailboxen wagen. Es gibt nämlich weltweit noch immer eine ganze Menge dieser Bulletin Board Systeme (BBS) für die Commodore-Welt, die von Enthusiasten betreut und aktuell gehalten werden. Einen guten Überblick bietet beispielsweise die Seite Commodore BBS Outpost.

Bequem wie ich bin, habe ich es der Einfachheit halber gleich mit dem ersten Eintrag dort probiert – Scorps Portal aus Shanghai, Chinas einziger Commodore 64 Mailbox, zumindest bisher. 😉

Da es sich um ein grafisch basiertes BBS handelt, muss der Terminaltyp im Parameter-Menü von Zterm von ‚ASCII‘ auf ‚Graphics‘ umgestellt werden. Ist dies geschehen, gibt man die Terminalbefehle dann allerdings statt in Großbuchstaben nun in Kleinbuchstaben ein. In unserem Fall also ‚atdt scorp.us.to:23‘

Spätestens jetzt wird offenbar, wie „schnell“ 2400 Baud sind – die Bildschirme der Mailbox bauen sich in Einzelzeichen auf, dieser Vorgang läßt sich mit bloßem Auge nachvollziehen. Aber es funktioniert, der Willkommensbildschirm von Scorps Portal erscheint auf dem Fernseher.

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‚Because it’s possible.‘ – das wäre ebenfalls ein passender Titel für meinen Beitrag gewesen.

Ich habe mir bei der Gelegenheit dann auch gleich ein Benutzerkonto (zedbeeblebrox) auf Scorps Portal angelegt und bin schon gespannt, von wem ich dann die erste Nachricht dort bekomme. 😉

Neben Nachrichten und einem Forum bietet die Mailbox unter anderem ein paar Spielchen und einen Upload/Download-Bereich an.

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Der Menübildschirm vom Scorps Portal BBS hat so einiges anzubieten.

Ich könnte wirklich noch Stunden oder auch ganze Nächte damit zubringen, alle Commodore Mailboxen zu besuchen und mich dort umzuschauen, aber „leider“ fahren wir morgen in den wohlverdienten Urlaub. So müssen weitere Entdeckungstouren noch etwas warten, aber dafür habe ich nun etwas, auf das ich mich bereits sehr freue.

Ich hoffe, ihr hattet Spaß an der Lektüre meines dritten Blogbeitrags. Über Kommentare freue ich mich immer und für Fragen eurerseits stehe ich auch immer gerne zur Verfügung. 🙂

In diesem Sinne!

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I’ll be back!  🙂

10 Gedanken zu “Kabellos in die Vergangenheit

  1. Ein ganz toller und aufschlussreicher Artikel Stephan! Da möchte man es Dir am liebsten sofort gleichtun und ebenfalls bei CBMStuff bestellen. Erstaunlich wie einfach die Inbetriebnahme von statten ging. In 2016 merkt man, das die Anwenderfreundlichkeit auch aus der Nerdszene nicht mehr wegzudenken ist. Vieles wird vorgedacht und dank des Internet kann man etwaig schwierige Stellen oft schnell durch Nachlesen/Nachfragen lösen. Wunderbar auch die Bilder, mit denen Du den Text illustriert hast! Ich freue mich riesig über Deinen Beitrag, denn ich finde, dass es hierzulande viele tolle Menschen gibt, die sich mit Technologie rund um die Heimcomputer befassen. Nicht alle aber schreiben auch darüber und nur wenige so wunderbar wie Du. Freue mich schon riesig auf Deinen nächsten Beitrag zur Retrokultur.

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    1. Hallo Marco! Sehr schön, auf diesem Wege mal wieder von dir zu hören. 🙂 Freut mich sehr dass dir der WiModem Artikel gefallen hat und noch mehr dass du es auch gleich geordert hast. Du wirst damit zufrieden sein, da bin ich sicher. Bin gespannt was du dann berichtest auf deinem Blog. Beste Grüße aus Augsburg, Stephan

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  2. es klappt bei mir leider nicht richtig,.. mit atdt google.com:80 bekomme ich auch einen CONNECT
    alles andere bringt aber nur „no answer“… auch ein Update klappt nicht,..laut CBMSTUFF gibt es schon v1.7
    hmmm.. ich tippe darauf, dass es an der Port-Angabe liegt?? (mein Router blockt vielleicht ?)
    ansonsten ein schönes Stück Hardware. (PS: hattet ihr auch schon v1.6 drauf ?)

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    1. Hallo Micha,

      danke für dein Feedback, ich hoffe, du hast es inzwischen zum Laufen bekommen?! Ich hatte über die Feiertage leider keine Zeit, um den Brotkasten mal wieder vorzukramen und auszutesten.

      Aber jetzt gerade habe ich das WiModem erfolgreich von v1.3 auf v1.7 geupdatet mit Z-Term.

      Hast du es direkt nach dem Starten von Z-Term versucht?! Mein Z-Term startet per Default im Commodore C/G Mode – d.h. da muss ich direkt nach dem Start von Z-Term „atupdate“ eingeben. Startet Z-Term hingegen im ASCII Mode, so sollte es „ATUPDATE“ tun.

      Sonst bin ich mit meinem Latein gerade auch am Ende… einen bestimmten Port habe ich am Router nicht freigegeben für das WiModem. Für meine Xbox sind dort allerdings bereits ein paar Ports freigeschaltet (u.a. 53,80,88 und 3074) – vielleicht hatte ich deswegen keine Probleme?! Schwer zu sagen.

      Aber wie gesagt hoffe ich, dass es bei dir mittlerweile auch funktioniert!

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  3. Hallo,,
    Ja!! es klappt inzwischen,.. und auch der Update von v1.6 auf v1.7 ist erfolgt..
    „das Problem“ war die richtige WLAN-Verbindung zu meinem Router.
    Ich hatte WPA2 und als Kennwort ein 16stelliges kombiniert aus Zahlen, klein und Gross-Buchstaben.
    Und die Buchstaben waren das Problem..
    So ähnlich wie du es mit den klein/gross geschriebenen AT/at-Befehlen erwähnt hast.
    Ich habe dann zum weiterem Test nur ZAHLEN als WPA2 Kennwort vergeben, dann konnte ich mit auch richtig anmelden.

    DANKE! aber für die Unterstützung,.. und jetzt gilt es munter BBS Seiten zu besuchen…
    Guten Rutsch, Micha

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