Uwe ist schuld

1984 genießt einen besonderen Stellenwert in meinem Leben; aber nie denke ich dabei zuerst an Orwell und seinen berühmten Roman, auch wenn sich für mich persönlich in diesem Jahr das Tor zur Zukunft öffnete.

Im Sommer wurde es zunächst einmal ernst für mich: der Schulübertritt stand an. Damals gab es in Niedersachsen noch die sogenannte Orientierungsstufe, die aus der 5. und 6. Klasse bestand und den Schülern mehr Zeit geben sollte, bevor es an die Entscheidung hinsichtlich der weiterführenden Schulform ging. Ein Konzept, von dem ich durchaus profitierte, aber das soll hier nicht das Thema sein. 😉

Jedenfalls wurde ich ans Gymnasium versetzt, und da unser 3.000 Seelen kleines Dorf über keines verfügte, durfte ich fortan mit dem Schulbus oder dem Fahrrad in den sechs Kilometer entfernten Nachbarort zur „Penne“ pendeln. Natürlich war ich nicht der Einzige, dem es so ging, und so lernte ich Uwe kennen. Uwe wohnte im selben Ort und wir besuchten bereits dieselbe Grundschule und die erwähnte Orientierungsstufe, waren dort jedoch in jeweils unterschiedlichen Klassen untergebracht gewesen. Mit Beginn des siebten Schuljahrs teilten wir uns dann nicht nur die Bank im Klassenzimmer, sondern meistens auch die im Bus.

Nach ein paar Wochen erzählte mir Uwe auf dem Weg zur Schule, dass sein Vater sich einen Computer angeschafft hätte, der jetzt bei ihnen daheim im Wohnzimmer stünde – einen Commodore 64 samt Diskettenlaufwerk und einem kleinen Fernseher als Bildschirm. Ich war wie vom Blitz getroffen – genauso gut hätte er mir erzählen können, sein Alter Herr hätte sich einen Helikopter angeschafft, der nun im heimischen Garten parkt. Ohne Flugschein, einfach so, weil er es kann. Die Wirkung auf mich wäre so ziemlich die gleiche gewesen.

Gewiss, ich selber besaß damals bereits diverse Elektronikbaukästen, mit denen ich herumexperimentierte und verbrachte ungezählte Nachmittage bei Frank, einem Freund, den ich seit der Grundschule kannte und der ein Atari VCS 2600 mit vielen Spielen sein Eigen nannte. Aber ein voll ausgestattetes Computersystem in den eigenen vier Wänden stehen zu haben, das war 1984 zumindest „bei uns auf dem Land“ etwas völlig Exotisches.

Meine Neugier kannte dementsprechend keine Grenzen mehr. Ich musste dieses Wunderwerk der Technik unbedingt mit eigenen Augen sehen, koste es was es wolle. Ich fürchte, gekostet hat es damals vor allem Uwes Nerven, auf die ich ihm in den folgenden Tagen so lange ging, bis er mich endlich zu sich nach Hause einlud.

Der C64 hatte dort wie erwähnt seinen Platz im Wohnzimmer, und wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, stand er in einer kleinen Schrankwand hinter einer Klappe, die heruntergelassen als Schreibtischplatte diente, auf die man den Computer samt Verkabelung vorziehen konnte.

Schon allein die vielen verschiedenen Kabel, die hinten und seitlich aus dem Computergehäuse ragten und im dunklen Hintergrund der Schrankwand zu verschwinden schienen, hinterließen einen geheimnisvollen, Neugier erweckenden Eindruck bei mir. Der C64 selbst machte in seinem beigen Gehäuse mit den abgerundeten Ecken und der braunen Tastatur hingegen einen geradezu freundlichen Eindruck, der ihm dann ja auch den liebevoll gemeinten Beinamen „Brotkasten“ eingebracht hat.

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Der C64 im klassischen Gehäuse (Brotkasten) und ein Commodore-Joystick (Modell C-1342)

Auf einem höhenversetzten Regalbrett befand sich, neben dem als Computerbildschirm dienenden kleinen Schwarzweißfernseher, die Floppystation (VC1541). Heute würde man Diskettenlaufwerk dazu sagen, aber auch diese sind ja mittlerweile aus der Mode geraten. Die 1541 war im Vergleich dazu jedenfalls ein Ungetüm, sie nahm den gleichen Platz wie der C64 ein und wog mit fünf Kilogramm deutlich mehr als dieser. Das lag zum einen am eingebauten Netzteil, zum anderen steckte in dem Gehäuse neben der robusten Laufwerksmechanik im Grunde ein eigenständiger Computer mit CPU, RAM und ROM zur Steuerung des Laufwerks und zur Kommunikation mit dem Commodore 64. Als Speichermedium kamen 5¼-Zoll-Disketten zum Einsatz, die mit einem Kniff (im wahren Sinn des Wortes) von beiden Seiten beschrieben werden konnten und elastisch (englisch: floppy) waren. Sagenhafte 170 KB (!) passten auf jede Seite einer C64-Diskette.

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Zwei 5,25″ Floppy Disks von Commodore mit einfacher Dichte und 48 Tracks pro Inch

Uwe schaltete den Computer und den kleinen Fernseher an, der natürlich bereits auf den richtigen Kanal (UHF-Band V, Kanal 36) zum Empfang des C64-Bildsignals eingestellt war. Damals war noch Handarbeit und Finetuning nötig, bevor man loslegen konnte: von wegen „Plug and Play“. Es vergingen einige spannende Sekunden, bis die Bildröhre endlich warm genug war und den Startbildschirm des C64 ins Wohnzimmer zauberte.

**** COMMODORE 64 BASIC V2 ****
64K RAM SYSTEM  38911 BASIC BYTES FREE

Darunter noch das Wörtchen READY, welches signalisierte, dass seitens des C64 alles in Ordnung ist. Ein pausenlos blinkendes Quadrat als Cursor wies halbwegs dezent darauf hin, dass wir jetzt am Zug wären und der Computer unsere Eingabe erwartet.

Apropos Eingabe, von Zehnfingersystem und blindem Schreiben waren wir mit unseren knapp dreizehn Jahren so weit entfernt wie der C64 von einer eingebauten Festplatte. Wie gut traf es sich da, dass wir zu zweit vor dem Computer saßen; Uwe zog den Brotkasten zu sich rüber, während ich mir das Handbuch schnappte, das mit seiner Spiralbindung und dem regenbogenbunten „64“ Logo auf dem Cover seinerseits einen sehr freundlichen Eindruck machte. Ich blätterte ein wenig darin herum und blieb bald bei einem pixeligen Heißluftballon hängen, den man als sogenanntes Sprite mit nur wenigen BASIC-Zeilen über den Bildschirm fliegen lassen könne.

C64 Handbuch Ballon
1 REM UP, UP, AND AWAY! – meine erste Begegnung mit einem Sprite

Auch wenn ich (noch) nicht wirklich begriff, was genau die einzelnen Befehle des Programms bedeuteten, sah das bereits auf dem Papier schon faszinierend aus und wir konnten es natürlich kaum erwarten, den Pixelballon endlich über die Mattscheibe fliegen zu sehen. Also diktierte ich das Programmlisting Zeile für Zeile, während Uwe es über die braune Klaviatur des C64 in den Speicher des Computers hackte. Ich kann mich nicht erinnern, ob das kleine Programm auf Anhieb lief oder ob wir noch dem ein oder anderen Tippfehler auf die Schliche kommen mussten – wahrscheinlicher ist aber Letzteres. In jedem Fall flog kurze Zeit später tatsächlich ein kleiner türkisfarbener Ballon mit Commodore-Logo von links oben nach rechts unten über die Mattscheibe. Wobei wir damals natürlich nicht erkennen konnten, welche Farbe der Ballon hatte. 😉

In diesem Moment blickte ich nicht nur auf dieses Sprite, ich schaute gewissermaßen durch den Bildschirm hindurch direkt in die Zukunft. Dabei spielte es überhaupt keine Rolle, dass wir die paar BASIC-Zeilen lediglich aus dem Handbuch abgetippt hatten – die Möglichkeiten, eigene Programme zu gestalten und selbst kreativ zu werden, flogen in Gestalt dieses kleinen Ballons vor meinen Augen vorbei. Und sie schienen in diesem einen Augenblick unendlich und praktisch grenzenlos zu sein.

Von nun an war ich regelmäßig zu Gast in Uwes Elternhaus. Wir tauchten gemeinsam tiefer in die BASIC-Programmierung des Commodore 64 ein, gingen in Radar Rat Race auf die Jagd nach Käsestückchen, hetzten uns gegenseitig durch die monsterverseuchten Labyrinthe von Wizard of Wor, oder versuchten in Le Mans immer neue Streckenrekorde aufzustellen.

C64_Screenshots
UP, UP, AND AWAY! (BASIC-Demo), Wizard of Wor, Le Mans, Radar Rat Race (v. l. n. r.)

Natürlich hatte ich ab sofort ein riesiges Problem: keinen eigenen C64! Das musste sich ändern, und zwar so schnell wie möglich. Ich ging meinen Eltern Woche um Woche auf die Nerven, griff dabei immer tiefer in die Argumentationskiste – Unterstützung beim Lernen und bei den Hausaufgaben, schlechtere berufliche Aussichten, wenn man sich nicht frühzeitig mit der neuen Technologie auseinandersetzen würde, nebenher Maschinenschreiben lernen – eben die ganze Palette ernsthafter Anwendungsmöglichkeiten. Überzeugt haben dürfte sie am Ende die Angst, dass ich früher oder später aus- und bei Uwe und seinen Eltern einziehen würde. 😉

Also bekam ich zu Weihnachten meinen eigenen Commodore 64 geschenkt, drei Monate darauf zum Geburtstag endlich auch eine Datasette und noch viel später dann ein Diskettenlaufwerk.

Mit dem C64 war der Grundstein für meinen weiteren Lebensweg gelegt. Die Computerei wurde nicht nur zu meinem liebsten Hobby, auch mein beruflicher Weg wäre aller Voraussicht nach anders verlaufen ohne dieses prägende Erlebnis vor 32 Jahren. Natürlich nicht zwangsläufig schlechter, aber ich kann mich nicht darüber beschweren, dass es so gekommen ist, wie es gekommen ist.

In diesem Sinne: Danke, Uwe. Ganz im Ernst! Und bitte entschuldige den Beitragstitel. 😉


10 Gedanken zu “Uwe ist schuld

  1. Schöner Artikel. 🙂 Meine erste Begegnung mit einem C64 verlief bei einem Schulfreund nicht unähnlich. Der hatte allerdings zu dem Zeitpunkt noch keine Floppy, sondern „nur“ eine Datasette – aber gerade die hat mich maximal beeindruckt: Auf so einer Musikkassette ließen sich auch ganze interaktive virtuelle Welten unterbringen?? Das machte meinem Weltbild zu schaffen, bis hin zu philosophischen Abgründen mit Überlegungen, ob vielleicht unsere „reale“ Welt auch irgendwo abgespeichert ist. 😉

  2. André ist schuld!
    Der hat mir ein schlechtes Gewissen gemacht, denn heute ist ja wieder sein coomentDay. Aber es wird mal wirklich Zeit Dir zu sagen, wie klasse ich Deinen Blog finde. Ich habe hier schon öfter rumgelungert. Du schreibst witzig. Liest sich wie geschnitten Brot. Der Vergleich mit dem Hubschrauber; echt gut. Und überhaupt, hätte auch aus meinem Geschichtsbuch sein können. Den Ballon habe ich auch eingetippt. Gruß an Uwe!
    Ferdi

    1. Hallo Ferdi!

      Vielen Dank für deine echt netten Worte, das freut mich nicht nur sehr, sondern ist auch immer eine tolle Motivation für weitere Artikel oder auch um mit aktuellen Artikeln, die in Arbeit sind, beschwingt weiter zu machen. 🙂

      Dass unsere Geschichten sehr ähnlich verlaufen sind, habe ich ja auch schon bei der Lektüre deines Mega-Artikels auf VSG hautnah miterleben dürfen. Und ich drücke dir die Daumen, dass du irgendwann wieder einen A1000 daheim stehen hast – egal mit welchen Innereien. 😉

      Viele Grüße!

      Stephan

    2. Wie gern ich daran schuld bin Ferdi, wenn es Dich motiviert hat hier einen Kommentar zu schreiben 😉 Ich finde Stephans Blog ebenfalls großartig und noch mehr freut es mich, dass er ihn ins Leben gerufen hat. Jeder Artikel hier hat Tiefgang und „Hand und Fuß“. Und irgendwie schafft Stephan es, die harten Fakten auf butterweiche Art rüberzubringen. Wunderbar ❤ Ich freue mich jedes Mal über einen neuen Artikel!

      1. Danke dir, André! 🙂 Das freut mich wirklich sehr, gerade der Teil mit dem „butterweich“. Während des Schreibens meiner Artikel habe ich nämlich eher das Gefühl, als würde ich einen Baum mit einem stumpfen Brotmesser fällen wollen. Am verflixten siebenten Artikel arbeite ich auch schon wieder seit 2 1/2 Wochen und traue mich noch nicht zu sagen, wann der endlich fertig wird. Aber Hauptsache, er liest sich dann nicht wie mit stumpfer Feder geschrieben. Euer Feedback ist mir daher so viel wert! Dankeschön! 👍😊

  3. 1984! Was für ein Jahr! Kann mich zwar nicht erinnern, da dies mein Geburtsjahr ist. Durch deinen tollen persönlichen Rückblick aber habe ich jetzt ein weiteres tolles Bild vor Augen, wie sich viele begeisterte Jungs und Mädels wohl gefühlt haben müssen, als der C64 seiner Zeit ihr Herz berührte. Nur ein paar Jahre später, so um 1990 rum. Ich erinnere mich daran erstaunlich gut! 🙂 Ebnete mein Vati mir dann auch den Weg in eine Welt ohne die ich heute nicht mehr leben könnte. Viele lange heimliche Nächte und viele ungemachte Hausaufgaben waren die Opfergabe. In diesem Sinne vielen Dank für deine Geschichte und auf weitere tolle Jahre in der Welt der Bits und Bytes! 😉

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar, ich freue mich immer sehr über Feedback, über ein so positives umso mehr. 🙂 Übrigens: tolles Geburtsjahr, da bin ich schon neidisch. Und weine leise. 😉

  4. Hi Stephan, ich bin sehr von Deinem Blog begeistert. Aber vor allem überrascht mich, wie gut Du Dich noch erinnern kannst! Wir sind das gleiche Baujahr, aber ich habe so vieles aus diesen Tagen nur noch ungefähr auf dem Schirm. Ich lebte und liebte gerade diese Zeit, kann aber nur noch grob die Jahreszahlen „dranhängen“ – danke dafür, dass Du mir die Jugend zurückbringst und ich freue mich auf hoffentlich noch viele Beiträge, die da noch kommen werden:-) Ich wünsche Dir noch einen schönen Vatertag, cu
    JJ

    1. Hallo Jürgen, vielen Dank für deine lobenden Worte! Von einem so erfahrenen Bloggerhasen wie dir, das ist eine schöne Motivation für mich. 🙂 Was mein Erinnerungsvermögen anbelangt, sei beruhigt, das geht mir in Wirklichkeit sehr ähnlich wie dir und ist wohl mehr oder weniger üblich für unser Alter. 😉 Aber für private und persönliche Dinge habe ich ein ganz hervorragendes Archiv, auf das ich zurückgreifen kann. Meine Mutter führt seit ich glaube Ende der 70er Jahre so 5-Jahres-Agenden, wo sie wirklich jeden Tag so an sich und auf den ersten Blick belanglose Dinge einträgt wie das Wetter, wer zu Besuch da war, aber eben auch, was wir „Kinder“ zu Weihnachten, zum Geburtstag, zur Konfimation etc. pp. geschenkt bekommen haben. Darauf habe ich in den letzten Jahren schon mehrfach zurückgreifen können und ist mir eine große Hilfe. Und für weniger private Dinge gibt das Internet ja auch so viel her. Für meinen kommenden Blogbeitrag zum Beispiel habe ich gestern im Archiv von kultpower.de gestöbert und in Händleranzeigen über mehrere Ausgaben der Power Play hinweg gestöbert, bis ich herausgefunden habe, wann ganz genau ein ganz bestimmtes Produkt in Deutschland erschienen ist. 😉

      Dir und deiner Familie ebenfalls noch einen schönen Feiertag. Lasst es euch gut gehen. 🙂

      Viele Grüße in den Norden!

      Stephan

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